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Erbarmen, die Lynke komme!

07.05.2008

Seit Längerem fahre ich jeden zweiten Samstag aus familiären Gründen nach Hessen, in die Nähe von Frankfurt am Main. Schon auf meiner jüngsten Reise musste ich feststellen, dass es in Hessen nur einen Monat nach dem glorreichen 5. April 2008 umwälzende Veränderungen gibt (angefangen bei meinem Dauervisum):

Sofort nach der Machtergreifung werden SPD und Grüne mit der PDS zwangsvereinigt. Das neue Gebilde heißt nun Lynkspartey. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, die SPD sei schon lange zuvor gezielt von Strohmännern (und -frauen) der PDS unterwandert worden.

Die im Wege der Zwangsrekrutierung gebildete HVA erobert im Handstreich einen Zipfel Taiwans namens Bao Tsen, was auf taiwanesisch "Platz des himmlischen Friedens" heißt. Dort wird ein Internierungslager für politisch Missliebige eingerichtet. Die Gefangenen tragen blutrote Overalls und müssen den ganzen Tag die Lynksparteyhymne singen: "Heute blutrot und morgen blutrot und übermorgen wieder!". Über Lautsprecher werden sie ununterbrochen mit Reden des Großen Vorsitzenden Ossi Lafontaine beschallt. Nach kurzer Zeit bricht jeder zusammen und unterschreibt alles, nur damit die Qual ein Ende hat.

Beim ersten Staatsbesuch von Bundeskanzlerin Merkel (Hauptthema: die völkerrechtliche Anerkennung Hessens) kommt es zu einem Eklat: Als sie und Lafontaine sich in der Öffentlichkeit zeigen, ruft das jubelnde Volk "Ossi! Ossi!". Dennoch hat Lafontaine das dumpfe Gefühl, gar nicht beachtet zu werden.

Christian Klar, dessen Big Raushole im Frühjahr 2007 noch gescheitert war, wird nach seiner Freilassung Intendant des Frankfurter Ensemble am Ossi-Lafontaine-Platz (ehemals Städtische Bühnen am Willy-Brandt-Platz).

Der Zwangsumtausch ließe sich noch leidlich verkraften, wenn das Warenangebot nicht so eingeschränkt wäre. Auf diese Weise habe ich inzwischen massiven Ärger mit der Göttinger Müllabfuhr bekommen, die mir Schadensersatzforderungen für den Fall androht, dass ich weiterhin alle zwei Wochen meine neu erworbene Marx-Engels-Lafontaine-Gesamtausgabe entsorge: Die miserable Papierqualität mache einen kompletten Sammelbehälter fürs Recycling unbrauchbar.

Die Versorgung der Bevölkerung ist auf die Grundnahrungsmittel Handkäs mit Musik (die Lynksparteyhymne) und Rotgrüne Soße reduziert. Dies ist zum einen politisch voll korrekt, weil vegetarisch, zum anderen zwangsläufig, denn gemäß dem "Gesetz zum Schutz von Staat und Lynkspartey" sind sämtliche Metzgereien geschlossen und verboten. Für die Lynkspartey-Kader stehen selbstverständlich Waren westlichen Niveaus im Internettshop zur Verfügung.

Überall sind FHJ-Gruppen (angeführt von versierten linksfaschistischen Schlägern aus der sog. autonomen Szene) unterwegs, die herumpöbeln und dabei "Lynks, zwo, drei, vier!" und "Die Lynkspartey, die hat immer Recht!" grölen.

Nach der Ausreise sämtlicher Redaktionsmitglieder Richtung Bao Tsen erscheint die FAZ unter dem Namen "Neues Hessen". Nach geringfügigen namentlichen Anpassungen (und Ausreise sämtlicher Redaktionsmitglieder) sind auch der Hessische Rotfunk und die Frankfurter Rotschau auf Lynksparteykurs gebracht.

Die vom Frankfurter Flughafen - bis zur Wende Drehscheibe des globalisierten Turbo-Kapitalismus - angeflogenen Ziele sind auf die wichtigsten Länder gesundgeschrumpft: Kuba, China, Vietnam, Nordkorea, Venezuela. Und Bao Tsen.

Die in Frankfurt ihr Unwesen treibende Organisierte Kriminalität (OK) wird verstaatlicht und in KoKo umbenannt. Sämtliche Profite aus den KoKo-Aktivitäten fließen in die Kasse der Lynkspartey, die daraufhin einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Da der Lynkspartey nichts mehr am Herzen liegt als das Wohl der werktätigen Massen, werden die bisherigen OK-Mitarbeiter natürlich nicht freigesetzt, sondern in den Staatsdienst übernommen: Das Waffen tragende Personal ist zur Bewachung des um Hessen gezogenen antifaschistischen Schutzwalls abkommandiert, der oberste Pate ist nun Oberst beim MfHS.

Ossi führt ein strategisches Abstimmungsgespräch mit Gysi, dem Sonderbevollmächtigten für die West-Erweiterung der PDS. Gysi hat das neu okkupierte Terrain bereits eingehend sondiert und sagt mit verschwörerischem Blinzeln: "Im Frankfurter Rotlichtviertel habe ich jede Menge Liebe genossen!" Ossi, dessen Weltbild kaum über Wallerfangen hinausreicht, missversteht dies und glaubt, es handele sich um einen linientreu umbenannten Stadtteil, der sich bereits vollständig in der Hand von Lynkspartey-Mitgliedern befindet. Er rät Gysi, wegen seines nervösen Tics gelegentlich einen Neurologen zu konsultieren, und begibt sich sodann auf einen Rundgang durch das Rotlichtviertel, um das parteyauftragsgemäße Treiben der dortigen Genossen und -innen persönlich in Augenschein zu nehmen. Er wird zwar überall mit offenen Armen empfangen und mit schmeichelnden Worten zum Bleiben aufgefordert, dennoch hat Ossi das dumpfe Gefühl, dass hier irgend etwas nicht stimmt. Er mutmaßt zunächst eine neoliberale Verschwörung, doch nach intensiven Vertrauen bildenden Maßnahmen hinter verschlossener Tür ist sein Argwohn gänzlich verpufft. Nun versteift er sich auf die Position: "Das Rotlichtviertel ist der potenzielle Höhepunkt der Lynkspartey!" Unter der Überschrift "Lynks ist geyl" lassen Ossi und Gysi im "Neuen Hessen" verlautbaren: "Wir stehen in Reih und Glied und sind der Stoßtrupp des Sozialismus!"

Auf der Frankfurter Bychermesse 2008 werden nur die wichtigsten Länder vertreten sein: Kuba, China, Vietnam, Nordkorea, Venezuela. Und Bao Tsen. Einziges Exponat: die neue Marx-Engels-Lafontaine-Gesamtausgabe (auch digital für den yPod).

Das in "VEB Hessenring" umbenannte Opel-Werk in Rüsselsheim produziert nur noch 2 Fabrikate: Nachbauten legendärer Spitzenmodelle sozialistischer Automobil-Kultur. Laut Planansatz ist die Fertigstellung und Lieferung der ersten Wagen für etwa 2018 vorge---

Plötzlich ging ein Ruck durch die Welt, irgendetwas quietschte, und eine Stimme rief: "Frankfurt am Main Hauptbahnhof! Ihre Umsteigemöglichkeiten ..." Ach so, ich war eingenickt und hatte nur geträumt. Schweißgebadet, mit zitternden Knien, aber zutiefst erleichtert verließ ich den Zug. Auf diesen Schreck musste ich mich erst mal stärken. Ich betrat eine Metzgerei und verzehrte mit Hochgenuss ein Kassler und ein Frankfurter Würstchen. Mahlzeyt!

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(07.05.2008)

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