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Lemmingjagd (eine Fabel) [Fragment]

18.08.2005

Vor einiger Zeit begannen die Lemminge plötzlich, unruhig zu werden, und äußerten den Wunsch, sich auf eine Wanderung zu begeben. Ursache war, dass sie mit ihrem Alpha-Lemming und seinem Vize, die beide eigentlich vertrauenswürdig und charismatisch sind, und irgendwie mit der Gesamtsituation in Lemmingland immer unzufriedener wurden. Diese Unzufriedenheit steigerte sich in einem solchen Maße, dass der Alpha-Lemming - ohne seinen Vize zu fragen - entschied, auch keinen Bock mehr zu haben und deshalb dem Wandertrieb der Lemminge nachzugeben. Aufgrund dessen beschloss der Große Rat der Lemminge, dass kurz vor Ende des Sommers (oder kurz vor Beginn des Herbstes?) der Wandertag mit gemeinschaftlichem Sprung von der Klippe ins Ungewisse stattfinden soll. Auch der weise König der Lemminge stimmte diesem Plan nach langen, ausschöpfenden Überlegungen zu.

Darauf hatte das "Lemmingjagd-Konsortium Schwarz-Gelb" nur gewartet: Flugs baute es unterhalb der Klippe große Fangnetze auf, worein die Lemminge, die eigentlich nur wegwollen, ohne so recht zu wissen wohin, purzeln sollen - leichte Beute. Und dann tauchte plötzlich dieser Konkurrenzbetrieb auf, mit dem niemand gerechnet hatte, und platzierte sich ganz besonders geschickt, nämlich dort, wo die Klippe am steilsten und der Aufprall am härtesten ist, also dort, wo sich bevorzugt diejenigen hinunterstürzen, die in Lemmingland zu kurz gekommen sind und daher glauben, nichts mehr zu verlieren zu haben. Die Konkurrenten hatten sich zunächst eher unauffällig gesammelt und firmierten als „Wahlnaive Arbeitsgruppe für sozial gerechte Lemmingjagd (WASGL)“. Wohl wissend, dass sie - obwohl den Lemmingen das Paradies auf Erden verheißend - allein nur wenige Lemminge zum Sprung in ihre Fangnetze verleiten könnte, verbündete sich die WASGL mit den ausgehungerten Rotwölfen.

Die Rotwölfe hatten vor vielen Jahren, als Lemmingland noch geteilt war, das Ostrevier beherrscht, indem sie sich mit Lemmingpelzen verkleideten und behaupteten, nur das Beste für die Ostlemminge zu wollen. Das glaubten die meisten Ostlemminge zwar nicht, aber wenn sie nur einen Pieps machten, wurden sie sofort eingesperrt. Das Leben im Ostrevier war für Lemminge völlig artfremd, denn die Rotwölfe verboten ihnen, frei umherzuwandern. Versuchte ein Lemming es dennoch, so hieß das Revierflucht und war das schwerste Verbrechen überhaupt. Daher gab es für die Aufseher den Fressbefehl, aufgrund dessen sie befugt und verpflichtet waren, jedem Lemming, der über die Reviergrenze huschen wollte, auf der Stelle die Kehle durchzubeißen, sodass er sich nie wieder rührte. Vor einigen Jahren ließen sich die Ostlemminge all das nicht mehr gefallen, jagten die Rotwölfe davon und schlossen sich den Westlemmingen an.

Seitdem streifen die Rotwölfe ruhelos durch das Ostrevier (einige haben sich auch ins Westrevier verirrt, wo sie jedoch nur als enervierend kläffende Pinscher gelten) und warten auf eine günstige Gelegenheit, endlich wieder die Macht zu ergreifen. Zwar wirken ihre Lemmingpelze heute viel echter als früher, und sie ernähren sich fast nur noch von Kreide, aber so richtig in Scharen wollen die Lemminge ihnen bislang nicht in den Rachen hüpfen. Im Ostrevier ist dies zwar rätselhafterweise schon wieder der Fall, was aber für Lemmingland insgesamt nicht ausreicht (und obendrein machen ihnen auch noch die Braunwölfe das Ostrevier streitig). Nachdem die Rotwölfe vor kurzem echt marketingmäßig zum dritten Mal ihren Namen gewechselt haben, damit man sie nicht so leicht erkennt, werden sie mit Unterstützung des WASGL-Hilfsrudels unter der Klippe nun endlich wieder fette Beute machen und sich den Wanst voll schlagen können. Und die WASGL wird bestimmt auch ein paar Häppchen abkriegen, damit sie nicht vom Fleische fällt - für den kleinen Rotwolfshunger zwischendurch ...

Das "Lemmingjagd-Konsortium Schwarz-Gelb" nimmt darob total übel, weil es sein Monopol bedroht sieht, nachdem es doch die ganze Vorarbeit geleistet hat. Politische Beobachter halten es daher nicht für ausgeschlossen, dass das Konsortium die WASGL-Rotwolf-Gruppe beim Verfassungsgericht wegen unlauteren Wettbewerbs verklagen wird.

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(17.08.2005)