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30.4.2017

Postfaketisch

„Fakten, Fakten, Fakten“ - damit begann sie, diese engstirnige, scheuklappenbehaftete Focussierung auf das bloß Faktische. Aber hilft uns das wirklich weiter? Ist allein das unsere Rettung, die Erlösung? „Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln“, postulierte Archimedes, doch es gibt faktisch nichts Sicheres, Festes, Beständiges, sondern: „Alles fließt“ (Heraklit). „In dieser ungeheuren Verwirrung ist eines klar: Wir warten darauf, dass Godot kommt“ - oder wir klammern uns verzweifelt an vordergründige Fakten, um möglichst lange der existenziellen Leere zu entfliehen. Was sind die idolisierten Fakten, unser aller goldenes Kalb, denn anderes als das endlose, sinnlose, ziellose Geschwafel auf Krapps Tonbändern? Was nützt es Winnie, lebendig halb begraben, dass Willie ihr unentwegt aus der Zeitung vorliest? So lebt jeder von uns in seinem eigenen Mikrokosmos und imaginiert seine eigene Realität, und die muss nicht immer mit anderer Realitäten, mit dem, was gemeinhin als die Fakten, als die Wahrheit an und für sich behauptet wird, übereinstimmen. Wir alle sind mehr oder minder Fakelinge. Worin besteht denn der Unterschied zwischen Erfindung und Fakten? Immerhin hat „Fake“ möglicherweise denselben etymologischen Ursprung wie „Fakten“: lateinisch „facere“ = machen. Das ganze Dilemma ist letztlich eine zwangsläufige Folge der globalen Überbevölkerung: Es ist schlichtweg nicht mehr genügend Realität für so viele Menschen vorhanden. Was kann heutzutage ein einzelner Mensch noch wissen, was nicht auch ein anderer weiß - und schon längst in die Welt hinausposaunt hat?

So stehen wir nun vor einer Zeitenwende: von der Postmoderne zur postfaktischen Ära - und die ist der Untergang der westlichen Zivilisation. Um ihn abzuwenden, will das Bundesinnenministerium ein „Abwehrzentrum gegen Desinformation“ einrichten, denn „die Akzeptanz eines postfaktischen Zeitalters käme einer politischen Kapitulation gleich“. Im Ansatz sehr löblich, aber bloße Verteidigung reicht längst nicht aus, sondern wir müssen konstruktiv und innovativ in die Offensive gehen: Ein Paradigmenwechsel tut not. Wer aber kann ihn vollbringen? Jedenfalls nicht die Beamten in Thomas de Maizières Wahrheitsministerium, sondern allein - die SPD, die Fakelträgerin der Erleuchtung! Sie hat sich nun erhoben, das Breitschwert in ihrer starken Faust, grimmig entschlossen, für uns den Kampf wider das Böse aufzunehmen und das am Horizont düster aufkommende postfaktische Zeitalter im Keim zu ersticken, indem sie ein machtvolles, zukunftsicheres Gegenmodell verankert - das präfaktische Zeitalter: Am meisten frommt es dem Volke, wenn es von vornherein überhaupt nicht mit Fakten behelligt wird.

Flugs gründete die SPD eine Sonderkommission: „New Fakes“. Diese beschloss als erste Maßnahme, dass dem Volk, welches überall ungebeten seine neugierige Nase hineinstecken möchte, nicht offengelegt wird, mit wem die SPD nach der Bundestagswahl koalieren will: „Die Zeit der Koalitionsaussagen ist vorüber!“ Hach, wie edel und markig das klingt, da bebt uns der Busen vor Rührung. Endlich haben wir die Ketten der Koalitionsaussagen abgeschüttelt, diese Geißel der gepeinigten, unterdrückten Menschheit. Das finstere Mittelalter ist überwunden, eine koalitionsaussagefreie, schöne neue Welt liegt vor uns - BrüderInnen, zur Sonne ... Nur Naivlinge, welche die Zeichen der Zeit nicht zu deuten wissen, glauben, die SPD verspritze ihre Fakealien ausschließlich deshalb, um die Bevölkerung für dumm zu verkaufen, indem sie den Teufelsfakt verschleiert: Koalition mit der multipel umbenannten SED.

In Konsequenz dieser geradlinigen Haltung wollte die SPD zunächst auch nicht damit herausrücken, wer ihr Kanzlerkandidat sein wird. Das ist verständlich: Sie hat gar keinen. Das ist verständlich: Da müsste einer ja mit dem Klammerbeutel gepudert sein, um sich für die 20-%-Partei öffentlich zum Affen zu machen und sich am 24. September eine Blamage fürs ganze Leben einzuhandeln. Ende November verlautbarte Hannelore Kraft mit verschmitzten Lächeln, sie wisse zwar, wer Kanzlerkandidat sein werde, aber sie sage es nicht. Ei, wie neckisch, du kleiner Schelm! Ja, da fühlen wir uns geschmeichelt, wenn wir auf so charmante Weise an der Nase herumgeführt und als Blödiane abgetan werden. Eigentlich wollte die SPD diese gezielte Faktlosigkeit bis zur konstituierenen Sitzung des neuen Bundestags fortsetzen (anonyme Bewerbung ist nämlich up to date und echt voll politisch korrekt). Da fiel ihrer PR-Abteilung jedoch siedendheiß ein, dass vor der Wahl noch ein ritualhafter Pflichttermin zu absolvieren ist: die Fernsehdiskussion zwischen den Kanzlerkandidaten. Spätestens dann aber wäre die nicht existente Katze aus dem Sack. Zunächst wurde erwogen, Gerhard Schröder als Platzhalter hinzuschicken. Doch der zierte sich, denn er schwebt inzwischen über allem schnöden Parteilichen. So entsandte ihn die Bundesregierung unlängst als Repräsentant Deutschlands zu einer anderen hochnotpeinlichen (aber überaus erfreulichen) Veranstaltung, auf welche die eigentlich Zuständigen keinen Bock hatten: zur Beerdigung von Fidel Castro (das geilste Event seit dem Dahinscheiden von Margot Honecker - die Fakten und die Toten).

Dann kam die SPD auf die Idee, irgendeinen 1-Euro-Jobber in Vollvermummung auftreten zu lassen - was er daherplappert, ist doch völlig egal. Die ARD lehnte dieses Ansinnen jedoch entrüstet ab. Es wird gemunkelt, Anne Will, Sekundantin beim TV-Duell 2013, habe vehement interveniert - gebranntes Kind ... So wird auch die brave SPD zum unschuldigen Opfer der grassierenden Islamophobie. Die SPD unschuldig? Na ja, sie trägt auch ihr gerüttelt Maß dazu bei: Während hochrangige Vertreter der C-Partei nicht müde werden, zu bekunden, dass der Islam zu Deutschland gehöre, heißt es im SPD-Parteiprogramm, die SPD habe ihre Wurzeln „in Judentum und Christentum, Humanismus und Aufklärung, marxistischer Gesellschaftsanalyse und den Erfahrungen der Arbeiterbewegung“. Kein Wort vom Islam - peinlich, peinlich! Was sagt die Bundesintegrationsbeauftragte (selbst SPD-Mitglied) dazu, dass ihre eigene Partei das „deutsche Volk des 21. Jahrhunderts“ (O-Ton Aydan Özoğuz) so ausgrenzt?

Als letzte Ausflucht blieb der abgluckernden SPD daher nur, panisch nach einem Strohhälmleinchen zu greifen: Sie erzeugte eine Person namens Martin Schulz als Strohmann. Gibt es uns nicht zu denken, dass ihn zuvor niemand kannte, dass er bislang weder landes- noch bundespolitisch in Erscheinung getreten war? Er sei zuerst Buchhändler, dann Kleinstadt-Bürgermeister und plötzlich Präsident des Europäischen Parlaments gewesen. Ja, sischer dat, total glaubwürdig! Er komme aus Würselen (noch nie gehört, nicht wahr?). Welche Stadt liegt ganz in der Nähe? Grevenbroich. Stellvertretender Chefredakteur des fiktiven Grevenbroicher Tageblatts ist eine berühmte komödiantische Kunstgestalt. Alles klar? Martin Schulz gibt es gar nicht, der Langstreckenlaufbursche ist nichts weiter als eine erfundene Witzfigur, das Faketotum der SPD, ein verkorkstes B-Movie-Remake von Horst Schlämmer, der zur Bundestagswahl 2009 ankündigte: „Isch kandidiere!“ - eine Drohung, die wir glücklicherweise nicht ernst zu nehmen brauchten. Na, immerhin beweist die SPD (Galgen-)Humor mit dieser kabarettistischen Fakelei.

Die abgefakte Vernebelungs- und Hinhaltetaktik der SPD wird jedoch nichts fruchten. Den rot-blutrot-grünen Putschisten ist stattdessen der Spiegel vorzuhalten: „Keine Angst vor der Wahrheit!“ Sollte es zu einer Regierungsbeteiligung der PDS kommen, dann würde in Deutschland die Erde beben, und es würde einen Volksaufstand geben. Das ist Fakt!

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(30.4.2017)