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13.8.2017

App, App and away!

„Legt doch mal das Ding weg!“ titelte der Spiegel im August 2016 und wiegelte die Leser gegen alle Menschen auf, die ihr - zumeist junges - Leben dem Fortschritt, also dem Smartphone geweiht haben: auf Schritt und Tritt in kontemplativer Versenkung, in sich selbst ruhend eins mit dem Weltgeist. Eltern werden an den Pranger gestellt, weil sie angeblich ihre Kinder vernachlässigen, indem sie in vorbildlicher Weise permanent am Smartphone rumdaddeln. Der kommunikationsaktive Teil der Bevölkerung muss sich von smartphoneresistenten Ignoranten als Smombies diffamieren lassen. Selbst der Bundespräsident will unserer hoffnungsvollen Jugend alle Chancen verbauen und sie vom Pfad der Erleuchtung abbringen: Sie solle den Blick vom Smartphone heben und die „wirkliche Welt“ (voll uncool, Alter!) wahrnehmen. Gar von krankhafter, dringend therapiebedürftiger Abhängigkeit ist die Rede.

In Anbetracht all dessen sehe ich mich in der Verpflichtung, diesen unheilvollen, zukunftsfeindlichen Tendenzen Einhalt zu gebieten und eine Lanze für das Smartphone zu brechen. Wir stehen am Beginn einer epochalen Zeitenwende: Das Smartphone ist nicht irgendein x-beliebiges Spielzeug, sondern ein von der Evolution im Sinne der Anpassung an die Umweltbedingungen hervorgebrachtes neues Organ, das den Menschen endgültig vervollkommnet. Was bedeutet „sapiens“ in Homo sapiens? Vernünftig, klug. Was bedeutet „smart“ in Smartphone? Schlau. Alles klar? Der neue Mensch betritt die Bühne der Weltgeschichte: Homo sapiens phonesis. Das Smartphone ist die definitive Beseelung, der Finger Gottes, gleich dem großen Aufbruch durch den Monolithen in „2001 - Odyssee im Weltraum“.

Um auch meinerseits einen nachhaltigen Beitrag zur Entwicklung der Gattung Mensch zu leisten, habe ich einige nützliche, hoffentlich unentbehrliche, vielleicht sogar überlebensnotwendige Apps entwickelt:

Tauchsieder-App: Sie überkommt der Appetit auf Tee oder Kaffee, aber Ihnen steht gerade keine Kochmöglichkeit zur Verfügung. Kein Problem: Sie stecken Ihr Smartphone in eine Kanne kalten Wassers, und binnen weniger Minuten bringt die App es zum Kochen. Für fortgeschrittene Smartphone-User gibt es die extended Version: die Eierkocher-App (ein Smartphone hat es im Gefühl, wenn das Ei weich ist).

Weitwurf-App: Sie sind beim Joggen und möchten auch ihre Armmuskulatur stärken, z. B. durch Weitwurf. Leider haben Sie im Moment weder Speer, Diskus noch Metallkugel zur Hand. Nehmen Sie's sportlich: Sie schmeißen Ihr Smartphone mit aller Kraft von sich, und die App misst die Wurfstrecke. Die App ist berührungssensitiv, d. h. das Messergebnis ist umso exakter, je härter der Boden ist, auf dem das Smartphone aufschlägt.

Knieschoner-App: Läufer kennen das Problem aus schmerzhafter Erfahrung: Das Laufen auf Straßenpflaster und Gehwehplatten belastet die Kniegelenke über Gebühr und führt zu vorzeitigem Verschleiß. Davor schützt die App: Sie befestigen Ihr Smartphone unter der Sohle eines Ihrer Schuhe (Bildschirm nach unten) und traben los. Die App simuliert kniefreundliche Untergründe, z. B. Rasen, Sandstrand, tannennadelbedeckter Waldboden - welch Wohltat!

Höhenmesser-App: Sie befinden sich in einem Wolkenkratzer und möchten wissen, in welcher Höhe. Geht im Handumdrehen: Sie lassen Ihr Smartphone aus dem Fenster fallen. Unten angekommen, zeigt die App die Entfernung zwischen Boden und ihrem Stockwerk an.

Profil-App: Seitdem die Pflicht zu angemessener Bereifung bei winterlicher Witterung besteht, sind viele Autofahrer ratlos und verunsichert: „Haben meine Reifen noch ausreichend Profil, oder muss ich neue aufziehen lassen?“ Die App weiß die Antwort: Sie legen Ihr Smartphone auf einen festen Untergrund (Bildschirm nach oben) und fahren dann mehrmals wuchtig und sorgfältig mit sämtlichen Rädern darüber. Daraufhin zeigt die App die Stärke Ihres Reifenprofils an und sucht bei Bedarf im Internet nach dem günstigsten Angebot für passende Neureifen. Die App ist auch für Fußballspieler geeignet, die prüfen möchten, ob die Stollen ihrer Schuhe noch ausreichend hoch sind.

Zahnmodell-App: Allen, die sich schon einmal eine Krone, eine Brücke oder dergleichen verpassen lassen mussten, ist diese gleichermaßen belastende wie eklige Prozedur vertraut: Zunächst muss man in eine klebrige, schmierige, knetgummiartige Masse beißen, dann sitzt man eine gefühlte Ewigkeit hilflos und verlassen mit dieser Pampe im Mund herum, und nachdem das Praxispersonal über Kaffeetrinken und Nägellackieren die Zeit vergessen hat, wird das inzwischen viel zu hart gewordene Zeug mit brachialer Gewalt wieder herausgebrochen. Diese Tortur bleibt Ihnen mithilfe der App erspart; Sie brauchen nicht einmal eine Praxis aufzusuchen. Stattdessen beißen Sie an beliebigem Ort mehrmals kraftvoll in Ihr Smartphone (es muss knirschen, nicht nur die Zähne). Sodann überträgt die App das in digitaler Form gewonnene Gebissmuster direkt zum Rechner eines Dentallabors, das daraus Ihre Prothese anfertigt. Von Zahnärzten empfohlen!

Schmutzwäsche-App: Heutige Waschmaschinen verfügen über Dutzende Programme, die kaum jemand versteht und erst recht niemand braucht. Das Wichtigste leisten diese Hightech-Geräte jedoch nicht: einfach festzustellen, ob die Wäsche tatsächlich sauber und geruchsneutral ist. Ist die Wäsche noch schmutzig und stinkig, endet das Programm dennoch nach der vorgegebenen Zeit. Ist die Wäsche schon längst sauber und nasenfreundlich, dreht das Programm trotzdem stur weiter seine Runden und verschwendet Energie und Wasser. Hier hilft die App: Sie legen Ihr Smartphone zusammen mit der Wäsche in die Waschmaschine, die von der App gesteuert wird. Während des Waschvorgangs scannt die App in definierten Intervallen die Wäschestücke und stellt so fest, ob sich daran noch Flecken befinden. Gleichzeitig wird der olfaktorische Status der Wäsche ermittelt. Sobald beide Werte zufriedenstellend sind, schaltet die App die Waschmaschine app ... pardon: ab - keine Sekunde zu früh oder zu spät.

BBQ-App: Die Grillsaison läuft auf Hochtouren, und wieder steht die Menschheit hilflos vor denselben, scheinbar unlösbaren Problemen: Ist genügend Kohle aufgelegt, ist sie schon ausreichend durchgeglüht, wann muss wie viel nachgelegt werden, ist das Fleisch noch roh oder schon gar, wann muss es gewendet werden? Die Gäste hungern, der Grillmeister ist genervt, die Luft verqualmt - die Stimmung sinkt auf den Nullpunkt. Das muss nicht sein. Bei Ihrer nächsten Gartenparty verwenden Sie die App: In der Mitte des Rostes platzieren Sie Ihr Smartphone (vorher gut würzen und 2 Tage lang einlegen). Die App registriert die erzeugte Hitze und teilt mit, wann die Kohle bereit und wann wie viel nachzulegen ist. Für jedes Stück Grillgut errechnet sie - in Korrelation mit Außentemperatur, Luftfeuchtigkeit und Windstärke - individuell, wie lange es gegrillt und wann es gewendet werden muss. Wenn Sie ein rohes Stück auf den Rost legen, sagen Sie der App mit lauter Stimme und deutlicher Aussprache (bitte nicht unter Alkohol- und Cannabiseinfluss) an: Art, Herkunft, Eigentümer, Intensität, also z. B. „Hüfte Schwein Susi medium“ oder „Würstchen Ochse Erwin durch“. Wenn ein Stück so weit ist, tut die App dies mit einem fröhlichen „Essen ist fertig!“ kund. So wird Ihre Grillparty ein voller Erfolg. Bitte danach das Smartphone gut auskühlen lassen (sonst bekommen Sie heiße Ohren).

Fisch-mich-App: Sie finden fischen total geil, auch gern mal in fremden Gewässern, aber es ist zu mühselig und unberechenbar, bis Ihnen mal was an die Angel geht? Dann mach's mit der App: Wenn Sie mal wieder Lust haben, werfen Sie Ihr Smartphone an einer Rute ins Wasser. Dort ermittelt die App, welche Fischsorte vorhanden ist, und imitiert die Begattungsrufe der jeweiligen Gattung. Auf dem Bildschirm zeigt es appetitanregende Videos der beliebtesten Köder. Sobald ein Fisch angebissen hat, ziehen Sie ihn an Land. Auf diese Weise können Sie hemmungslos alles abfischen, wonach Ihnen der Sinn steht: die tollsten Hechte mit den stärksten Schwanzflossen, die drallsten Barsche und die glitschigsten Elritzen. Es gibt zwei Dinge, die nach Fisch riechen - eins davon sind Smartphones.

Dildo-App: Ich suche noch Probandinnen für eine ausführliche Testreihe. Sodann werde ich nachberichten.

Heißer-Brei-App: Wer hat es noch nicht erlebt: Wählt man an der Mikrowelle eine niedrige Temperatur, ist der Rand der Speise ausreichend warm, die Mitte aber bleibt kalt. Verwendet man eine hohe Temperatur, wird die Mitte ausreichend erwärmt, aber der Rand ist verbrutzelt. Hier hilft die App: Sie platzieren Ihr Smartphone in der Mitte der zu erwärmenden Speise und wählen eine randgerecht niedrige Temperatur. Die App verstärkt die hochfrequenten elektromagnetischen Wellen des Smartphones um einen beliebigen Faktor und erhitzt dadurch die Mitte der Speise. Nicht für schwache Akkus geeignet. Bitte das Smartphone sodann in der Spülmaschine säubern.

Sankt-Martin-App: Mittels Smartphone lässt sich alles mit allen teilen: belanglose Fotos; ausgelutschte Witze; hämische Pleiten, Pech und Pannen; verwackelte Videos u. v. a. m., wodurch die Menschen auf der ganzen Welt miteinander vertraut werden und das „Alle Menschen werden Brüder. Seid umschlungen, Millionen!“ endlich verwirklicht wird. Diejenigen unter uns, die sich kein Smartphone leisten können, sind jedoch abgeschnitten und ausgeschlossen. Gerade im Luther-Jahr ist hier christliche Nächstenliebe gefordert: Wenn Hartz-IV-Empfänger, Flüchtlinge und sonstige Mittellose zu Ihrem Freundes- und Verwandtenkreis gehören, ermöglicht die App, mit diesen lieben Menschen auch Ihr Smartphone zu teilen. Die App versieht das Smartphone mit Sollbruchstellen, an denen Sie es mit wenigen Handgriffen in kleine Stücke zerbrechen können - rechteckig, praktisch, gut (Achtung, Erstickungsgefahr: nicht in die Hände von Kleinkindern und Säuglingen!). Der Funktionsumfang der so gewonnenen, überdies Platz sparenden Miniaturgeräte ist nur unwesentlich verringert.

Doggy-Style-App: Sie sind Hundehalter und wissen, dass der Rest der Menschheit Sie hasst und verabscheut, weil allüberall Gehwege, Vorgärten, Wiesen, Sandkästen usw. vollgekotet sind. Ist es Ihr Schicksal, für den Rest des Lebens in dieser Außenseiterrolle gefangen zu sein? Nein, die App befreit Sie aus dem Ghetto der Geächteten: Sobald Ihr treuer Freund beim Gassigehen die üblichen Anstalten macht, legen Sie Ihr Smartphone auf den Boden. Die App spielt chillige, relaxierende Musik und zeigt anheimelnde Fotos der Lieblingsplätze Ihres vierbeinigen Lieblings auf dem Wohnzimmersofa, im Ehebett usw. Nach nur wenigen Übungen hat Ihr Hund gelernt, dass er sein Häufchen ausschließlich auf Ihrem Smartphone absetzen darf. Zu Hause einfach ins Klo kippen, feucht abwischen, fertig. Ab sofort werden Sie von einer Woge öffentlicher Sympathie überschwemmt. Kynologisch getestet. Der Umwelt zuliebe!

Gülle-App: Sie sind Schrebergärtner und möchten Ihre Beete gleichermaßen wirkungsgvoll wie biologisch düngen, doch Gülle ist im Kleingartenverein verboten. Stattdessen verbuddeln Sie Ihr Smartphone im Erdreich. Die App konvertiert alle Inhalte, die von PDS, AfD, Autonomen, Identitären u. dgl. via WartsAb, Zwitscher, Gesichtsbuch usw. abgesondert werden, in entsprechendes organisches Material - Jauche pur!

Echt praktisch, nicht wahr? Und dann heißt es immer, Smartphones seien für den Arsch. Stimmt - mithilfe der Rektoskopie-App: Angenommen, Sie verspüren seit einiger Zeit ein unablässiges Jucken und Kribbeln im Gesäß. Was steckt dahinter: Hämorrhoiden, Krebs, Hummeln? Das sollten Sie unverzüglich abklären, aber als Kassenpatient müssten Sie bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag auf einen Termin beim Proktologen warten. Schneller geht es mit der App: Sie schieben sich Ihr Smartphone so tief wie möglich hinten rein, woraufhin die App ein hoch aufgelöstes Video ihres meterlangen Intestinums überträgt, auf Wunsch auch direkt in Ihren Youtube-Channel.

Viel Spaß und gute Besserung!

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(13.8.2017)