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27.7.2017

Homogenisiert

Efa - Paradies oder Sündenfall? Darüber mögen sich die Menschen eine eigene Meinung bilden, denn die Gedanken sind bekanntlich frei. Unabhängig davon ist die „Ehe für alle“ ein glorreicher Sieg der Heterosexuellen-Bewegung: Schluss mit der Ungleichbehandlung! Es kann nicht länger angehen, dass seit Menschengedenken eine elitäre Minderheit herrlich und in Freuden das Leben in vollen Zügen genießt, während die große Masse am Boden kriecht und im Staub dahinvegetiert, den Schrecknissen ihres elenden Daseins hilflos ausgeliefert. Von Sokrates und Xanthippe über Nora und Torvald Helmer bis zu Barbara und Oliver Rose: Immer sind es allein die Heterosexuellen, die unter dem Ehejoch ächzen müssen: Lügen und Niedertracht, Überwachung und Bevormundung, Großkotzigkeit und Kleinkariertheit, Ausbeutung und Ausplünderung, Gehässigkeit und Gewalt, Entpersönlichung und Entwürdigung, Unsensibilität und Herzenskälte. Unsere Schwestern und Brüder von drüben (vom andern Ufer) hingegen feixen sich eins und lassen es sich nichtehelich gut gehen, unbehelligt von der alltäglichen Ehehölle, die um sie herum tobt. Nun endlich muss auch diese Bevölkerungsgruppe ihre ungerechtfertigten Privilegien aufgeben und einen angemessenen Teil der ehelichen Pflichten übernehmen. In einer solidarischen Gesellschaft ist dies das Mindeste und gerade im Luther-Jahr auch ein Akt christlicher Nächstenliebe: Einer trage des anderen Last. Die Betroffenen sind verständlicherweise geschockt und erheben reflexartig den Vorwurf des Ehezwangs und linksalternativer Gleichmacherei, doch dies greift zu kurz und entlarvt sich als bloße Worthülse.

Deutschland liegt mit 50 % Ehescheidungen weltweit im guten Mittelfeld. Darauf können wir alle zu Recht stolz sein, und wir alle müssen uns anstrengen, die Quote, um die uns viele unterentwickelte Länder beneiden, weiter zu erhöhen, damit wir im zusehends schärfer werdenden internationalen Wettbewerb bestehen können. Die Betonung liegt auf „alle“: Diese Anstregung darf nicht mehr nur den Heterosexuellen aufgebürdet werden, sondern auch die Gleichgeschlechtlichen sind künftig gefordert, ihren unverzichtbaren Beitrag zu leisten.

Zudem wird von Efa ein enormer Innovationsschub für die Unterhaltungsbranche ausgehen: Seit Jahr und Tag delektieren wir uns an Gerichtsshows, in denen Ehescheidungen und Sorgerechtsstreite verhackstückt werden: bölkende Kerle und keifende Tussis, die sich an die hohlen Köppe kriegen und der Lächerlichkeit preisgeben - aber immer in der abgedroschenen Frau-Mann-Konstellation. Dieses ewige Einerlei hängt uns allmählich zum Halse heraus und fördert im Übrigen das Vorurteil, ausschließlich Heterosexuelle wären hirnamputiert und verantwortungslos. Künftig wollen wir deshalb auch homosexuelle und lesbische Paare vor dem Richterstuhl sehen: bölkende Kerle und keifende Kerle, keifende Tussis und bölkende Tussis.

So wird Efa obendrein dazu beitragen, überkommene Märchen und Mythen hinwegzufegen, indem sie beweist, dass Homosexuell*innen und Lesbier*innen total normal sind und sich ihr Leben genauso abspielt wie das der Heterosexuell*innen - Szenen einer Ehe auf dem Niveau einer RTLII-Schmonzette.

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(28.7.2017)