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5.3.2017

Kallboy oder: Mauer im Kopf

Pfeif drauf! Wer der Whistleblower ist, werden wir wohl nie erfahren. Ein Mitarbeiter des US-Heimatschutzministeriums? Ein Mitglied des Kallstädter Heimat- und Geschichtsvereins? Wie auch immer - es steht nun in Wikileaks und ist nicht mehr wegzudenken.

Mitte der Achtzigerjahre des 19. Jahrhunderts: Ein bitterarmer, gottverlassener Landstrich im Südwesten des Deutschen Reichs, ein namenloser weißer Fleck auf der Landkarte, mittendrin ein klägliches, gespenstisch unbelebtes Dorf: Kallstadt. Vom Aufschwung der Gründerzeit ist weit und breit nichts zu spüren. Der Weg derer, die in diese trostlose Ödnis geboren werden, führt unvermeidlich ins Elend - es sei denn: Emigration. So lockt die Verheißung einer menschenwürdigen Zukunft Millionen und Abermillionen Kallstädter nach Amerika. Im Gepäck hat das weinselige Völkchen nur die Hoffnung auf ein besseres Leben und sein Nationalgericht: Ketchup. Auf der Überfahrt singen sie sich Mut an aus dem unerschöpflichen Schatzkästchen ihres althergebrachten Liedgutes:

We come from the land of the ice and snow,
From the midnight sun where the hot springs flow.
Hammer of the gods will drive our ships to new land.

Die USA können und wollen den ungebetenen Zulauf bald nicht mehr verkraften: Die Phrase „Wir schaffen das nicht“ wird zur Staatsdoktrin. Es formiert sich eine fremdenfeindliche Bürgerbewegung: „Patriotische Amerikaner gegen die Kallonisierung der Neuen Welt“. Die Bildung einer völkisch-nationalistischen Partei namens „Don-Nuts for America“ (DfA) verschärft die Situation und trägt entscheidend dazu bei, dass der republikanische Konsens zusehends erodiert: Für die amerikanische Gesellschaft wird das Kallstadt-Problem zur Zerreißprobe. Als es schließlich zu dramatischen Versorgungsengpässen auf dem Tomaten-Sektor kommt, ist das Maß des Erträglichen übervoll. Die diplomatischen Spannungen zwischen beiden Staaten verschärfen sich. Die USA setzen Deutschland ein Ultimatum: Sie verlangen, dass Kallstadt von der Außenwelt abgeriegelt wird, um den Flüchtlingsstrom zum Erliegen zu bringen. Anderenfalls würden die USA den Weltmarkt mit billigem Pansch-Wein aus Kalifornien in Tetrapaks überschwemmen und so der örtlichen Winzerei den Garaus zu machen. Erste Gerüchte sickern durch. Der Kaiser, dem die transatlantischen Beziehungen über alles gehen, versichert: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Den Kallstädtern verheißt er blühende Landschaften, wenn sie zu Hause bleiben, doch sein Aufruf verhallt ungehört - die Auswanderungswelle ebbt nicht ab. Die Konsequenz folgt auf dem Fuße: Das Bollwerk wird gebaut, eine schier unüberwindliche Befestigungsanlage mit Zinnen und Wehrtürmen, wie eine mittelalterliche Burg, eine Pfalz. So bekommt die Gegend ihren Namen. 80 Jahre später wird die PDS-Vorfolgepartei das Konzept wiederbeleben und zu neuer Blüte führen.

Den scheinbar lückenlosen Absperranlagen zum Trotz gelingt es todesmutigen Flüchtlingen auch weiterhin, sich unter abenteuerlichen Umständen in die Freiheit durchzuschlagen. Sie nehmen die Erinnerung an die demütigende, mörderische Mauer mit nach Amerika und reichen sie weiter an ihre Kinder und Kindeskinder - sie wird zum kollektiven Familientrauma. Einer der Enkel droht daran zu zerbrechen, ein sensibler, von hohen humanistischen Idealen beflügelter, feingeistiger Intellektueller. Als letztes Mittel, den mentalen Kollaps zu verhindern, empfiehlt ihm sein Psychiater die Konfrontationstherapie: Er soll den Kerker nachbauen, um sich daraus zu befreien. Der Patient kratzt seine geringen Ersparnisse zusammen, nimmt einen Kredit auf und verwirklicht den Ratschlag. Das Ergebnis: der Trump Tower. Er nennt ihn so, weil er in seiner Seelenpein damit alles auf eine Karte setzt. Nun, betagt und weise, stellt er seine verbliebene Tat- und Manneskraft vollständig in den Dienst des Guten: Toleranz, Mitmenschlichkeit, Minderheitenschutz u. v. a. m. So ist er Vorsitzender des Vereins zur Förderung der mexikanisch-amerikanischen Freundschaft, Botschafter von „Asylum Pro“, er engagiert sich für die Gleichstellung der Frau („Feminism is sexy!“), und er ist leidenschaftlicher Verfechter der These „Der Islam gehört zu Amerika“. Eine Anregung seines Bruders im Geiste Hans-Christian Ströbele aufgreifend, propagiert er die Einführung eines muslimischen Feiertags: Hallahween (deutsch: Allahheiligen), an dem die Kids - gruselig mit Tschador, Nikab und Burka verkleidet - durch die Straßen toben, Klingelstreiche verüben und erst dann davon ablassen, wenn die Geneckten eine Sure aufsagen. Hingegen hegt er tiefste Abscheu gegen Menschen, die dumm und böse sind. Viele weitblickende, verantwortungsvolle Bürger würden ihn liebend gern als Präsidenten sehen, doch hierfür ist er zu bescheiden. Außerdem besäße er nicht die Mittel für den Wahlkampf, denn er ist zeitlebens hoch verschuldet infolge seiner damaligen Psychotherapie. Der Trump Tower bringt ihm nichts ein, den übereignete er der Öffentlichkeit. Seitdem dient das Gebäude als Sozialstation, Erstaufnahmelager für Flüchtlinge, mexikanisches Kulturzentrum („Mexy is sexy!“), Frauenhaus, Koranschule und anderen gemeinnützigen Zwecken.

Und plötzlich aus heiterem Himmel: die Enthüllung über den Kallstädter Beton-Koloss, der nach den Wunschträumereien seiner Schöpfer „in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben“ sollte, aber schon nach dem 1. Weltkrieg abgerissen wurde, um das hochwertige Baumaterial als Reparationszahlung an die Siegermächte zu liefern, und dann schnell in Vergessenheit geriet. Nur wenigen Eingeweihten ist bislang bewusst gewesen, dass die düstere Vergangenheit im Stadtwappen verewigt ist: eine trutzige Burgmauer mit Schießscharten, darüber thront, alles beherrschend, das amerikanische Staatssymbol: der Weißkopfseeadler. Gleichermaßen aus dem öffentlichen Bewusstsein entschwunden war der „Calltown Deportation Act“ von 1885, welcher besagte, dass alle Kallstadt-Einwanderer und deren Nachfahren bis in die dritte Generation auszuweisen und in die alte Heimat abzuschieben sind. Der springende Punkt: Das Gesetz ist noch heutigentags in Kraft. Dieser Umstand zwingt die US-Behörden zum sofortigen Handeln, wollen sie sich nicht dem Vorwurf der Strafvereitelung aussetzen. Die Ereignisse überschlagen sich, widersprüchliche Nachrichten schwirren umher, die Lage wird unübersichtlich. Auf die Frage, wann die Abschiebungen beginnen, fällt dem Regierungssprecher fast die Brille von der Nase, er kramt konfus in seinen Zetteln und nuschelt: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“

Jetzt sind die Abgeschobenen also bei uns eingetroffen. Sie stehen vor dem Nichts, doch die weltberüchtigte deutsche Willkommenskultur („Deportees welcome!“) erleichtert ihnen den Neuanfang. Malu Dreyer empfängt die Spätaussiedler mit einem Begrüßungsgeld und den Worten: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Wir machen die Pfalz wieder groß.“ Auch der erwähnte Philanthrop befindet sich unter den Ankömmlingen. Er hätte noch so viel Gutes für Amerika tun können, stattdessen ist er einer anachronistischen Einwanderungspolitik zum Opfer gefallen - schlimm, schlimm! Aber er hat Glück im Unglück, auf seine alten Tage findet er nun doch seine wahre Bestimmung in der Politik: Martin Schulz ernennt ihn zum Leiter des Projekts „DSGL - Deutschland sucht die Gerechtigkeitslücke“.

Den Abgeschobenen klingt für immer die Losung in den Ohren, welche die US-Behörden ihnen mit auf den Weg gaben, um an ihre Heimatverbundenheit zu appellieren: „Palatinate first!“

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Siehe auch:
Serienkiller

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(10.3.2017)