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Es liegt was in der Luft

01.07.2008

Als ich am Abend des EM-Finales mit Frau und Kind einen Spaziergang durchs Viertel machte, lag etwas ganz Besonderes in der Luft, man konnte es förmlich riechen: Die Deutschen waren von einem großen, gemeinsamen Ziel beseelt, getragen von kollektivem Bewusstsein und tiefem Gemeinschaftsgefühl wollten alle nur das Eine: grillen! Der ganze linde Sommerabend war verpestet vom Gestank nach Holzkohle, brutzelndem Würstchenfett und karzinogen verkokeltem Grillgut. Später dann, in einer sonnendurchfluteten Vision, sah ich Deutschland vereinigt auf einer Völkerwanderung: Dreiviertelhosen tragende Bierbäuche und wunderschöne, junge Frauen mit schwarz-rot-gold(gelben) Girlanden um den Hals, auf dem Weg zum ÖTV in der Lokhalle und anderswo.

Seid nicht traurig, dass es knapp daneben ging mit der Europameisterschaft (das freut nur Irrland und die PDS). Viel wichtiger ist, dass der Partygeist von 2006 zurückgekehrt war. Vor der EM war man doch ein bisschen besorgt, ob es wieder so werden könnte oder ob 2006 eine historische Einmonatsfliege bleiben würde: War 2006 vielleicht allein deshalb möglich, weil wir die Gastgeber waren? War alles nur ein nie mehr wiederholbarer Zufall? Aber den Deutschen ist es mühelos gelungen, auch die EM 2008 zu einem Riesenspaß zu machen und dabei neuerlich Sympathie für und Loyalität gegenüber dem eigenen Land und den eigenen Leuten zu zeigen. Noch im Fin de Siècle wäre das unvorstellbar gewesen. Nach der EM 2008 gibt es keinen Zweifel, dass auch 2010 wieder perfekt funktionieren wird.

Die WM 2006 und die EM 2008 waren partytechnisch allerdings insofern Glücksfälle, als Deutschland bis zum vorletzten bzw. letzten Tag im Rennen war. Würde die Volksfeststimmung aber auch dann mehrere Wochen andauern, wenn - ich wage kaum, es auszusprechen - die deutsche Mannschaft 2010 schon nach der Vorrunde ausscheidet? Würde die Deutschland-Party sang- und klanglos ausfallen, wenn gar - ich weiß, für solcherart Defätismus gehöre ich eigentlich ausgebürgert - die deutsche Mannschaft schon in der Qualifikation scheitert? Um alle zwei Jahre eine gemeinsame Spaßzeit zu haben, die origineller ist als immer nur Karneval und Weihnachten - sind wir dafür ausschließlich auf Fußball-Erfolge als Aufputschmittel angewiesen? Das wäre doch sehr schade.

Wir wollen zuversichtlich sein. Wo ein Griller ist, ist auch ein Weg. Auf Wiedersehen in Südafrika!

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(01.07.2008)