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Tatort Gerichtsshow

14.12.2013

Sehr geehrte Frau Furtwängler,

als wäre es nicht schon skandalös genug, dass ein Spitzenpolitiker a. D. (und beurlaubter Rechtsanwalt, höhö!) auf der Anklagebank sitzen muss wie ein x-beliebiger Ganove. Nein, obendrein muss die gesellschaftliche Elite es sich bieten lassen, als Zeugen vorgeladen zu werden wie Lieschen und Egon Müller aus dem gemeinen Volk. Da ist es nur zu verständlich, dass Sie zum Schluss so richtig auftrumpfen wollten: „Was könnte meine Aussage im besten Fall zur Klärung beitragen?“, fragten Sie den Richter, und dem fiel nichts Geistreicheres ein, als zu antworten, das würden Sie bei der Urteilsverkündung erfahren. Vielleicht verschlug es ihm die Sprache ob Ihrer dämlichen Frage. Oder er traute sich nicht, Tacheles zu reden, da Sie eine Starin sind und die Medien ganz geierig auf eine Schlagzeile waren.

Sie und Ihre berufliche Tätigkeit waren mir bislang gänzlich unbekannt, da ich kein Ferngucker bin (zu meiner Zeit sagte man: Je ferner man sieht, desto länger weilt man sich). Das Einzige, was mir einfiel, als ich Ihren Namen las, war Wilhelm Furtwängler, der Dirigent. Sind Sie mit dem verwandt? Vielleicht meinen Sie deshalb, die erste Geige spielen zu müssen. Solistische Profilneurosen sind im Orchester jedoch unerwünscht. Genauso ist es auch im Gerichtssaal. Nun habe ich also gelernt, dass Sie Schauspielerin sind und schwerpunktmäßig eine Kommissarin im „Tatort“ spielen. Welch Ironie, das passt ja wie - na, das sage ich besser nicht (obwohl es das Motto dieses Prozesses sein könnte), es ist eh schon alles im Eimer.

In Deutschland finden jährlich tausende Gerichtsverhandlungen statt: zivil-, arbeits-, sozial-, verwaltungs-, steuer-, straf- und verfassungsrechtliche. Jetzt stellen Sie sich mal vor, sämtliche Zeugen würden sich Mätzchen Ihrer Art erlauben, und die ohnehin total überlasteten Gerichte müssten darauf ausführlich replizieren: Der Kollaps der Justiz wäre unausweichlich. Zeugen haben aufzutreten, ihr Sprüchlein herzusagen und tschüss! Das kennen Sie doch, genauso ist es auch bei Schauspielern. Zeugen haben sich jedoch nicht zum Verfahrensinhalt und -ablauf zu äußern. Dürfen Sie bei Dreharbeiten den Regisseur vollsülzen: „Was könnte meine Rolle im besten Fall zum Gelingen des Films beitragen?“ Sie wissen sicherlich, als was Alfred Hitchcock Schauspieler betrachtete. Sehen Sie, genauso ist das auch mit Zeugen. - Klappe, danke, aus!

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(14.12.2013)