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Germaniens nächstes Todmopel

10.2.2016

Ich hatte ja schon viel Negatives über GNTM gehört: trivial, inhaltlich mager und vor allem eine Einstiegsdroge, die labilen jungen Menschen vorgaukelt, sie müssten einem einzig erstrebenswerten, unrealistischen Idealtypus nacheifern, wodurch sie auf einen verhängnisvollen Pfad der Selbstzerstörung verführt werden, aus der es häufig keinen Rückweg mehr gibt. Doch was ich dann erleben musste, übertraf all meine schlimmsten Befürchtungen. Damit meine ich nicht, dass die ewig 25-jährige, makellos überschöne Heidi nur eine Computeranimation ist (was in Jurassic World zulässig ist, darf Pro 7 doch allemal). Sondern die beiden unsäglichen Geschöpfe, von denen sie flankiert ist - wie aus der Konkursmasse eines pleite gegangenen Gruselkabinetts: Der eine gleicht einem hirngeschädigten Adolf Tegtmeier für Arme, unrasiert, in eingelaufener Hose. Er behauptet, er sei Modeschöpfer (pardon: Fashion Designer). Dann soll er doch bitte an seinem Schreibtisch hocken bleiben und designieren, statt im Fernsehen zur Primazeit seine käsigen Knöchel zu präsentieren. Der andere ist das Urbild des arbeitsscheuen Hartz-IV-Alkis, der - die Schnapspulle fest im Griff - final in der Gosse gelandet ist: ein Pig-Pen mit versifften, ungekämmten Haaren und schmuddeligem, formlosem Fusselbart, in Klamotten, die nicht mal als Aufwischfeudel taugen. Er sei kreativer Direktor - der Altkleiderverwertungs GmbH? An diesen beiden Fehlmutationen der Gattung Mensch sollen sich also Heranwachsende orientieren, die in der Phase der Selbstfindung nach Vorbildern suchen? So werden zahllose - vor allem männliche - Jugendliche dazu verleitet, die beiden als Idole zu betrachten und es ihnen gleichzutun, indem sie sich auf das Stadium debiler Frühmenschen zurückentwickeln und ihr hoffnungsvolles Leben ruinieren. Einfach unverantwortlich!

Abgesehen von diesem Skandalon bleiben Sinn und Zweck der Sendung an sich völlig rätselhaft. Insbesondere hat sich mir nicht erschlossen, was es mit den vielen jungen Frauen (Terminus technicus: Mädchen) auf sich hatte. Da verstand ich nur Bahnhof. Vermutlich handelt es sich um Rollenspiele im Rahmen eines DB-Traineeprogramms „Kundenorientierte Fahrplanauskunft und Mitabeitermotivation“, an dem Heidi und ihre Beisitzer teilnehmen, um Karriere in der schienengebundenen Personenbeförderungs-Branche zu machen: Die sog. Mädchen stellen Reisende dar, die gerade mit dem ICE eingetroffen sind und schnellstmöglich umsteigen müssen, aber weder Uhrzeit noch Gleis kennen. Zunächst lungern sie mit Bergen von Gepäck ratlos im Wartesaal herum und warten: auf eine Durchsage oder Eingebung oder sonst was. Als all dies ausbleibt, laufen sie wie von der Tarantel gestochen hektisch (und eigenartig affektiert) den Bahnsteig entlang zum Infopoint und teilen dem Personal mit, dass sie „weiterkommen“ wollen. Daraufhin plappern die drei Mitarbeiter wirres Zeug, nörgeln an Aussehen und Kleidung der Mädchen herum (die beiden Kerle haben es gerade nötig), Heidi fuchtelt konvulsivisch mit den Armen (Entspannungsgymnastik?), und sobald sie eine Kundin abgebürstet haben, klatschen sie einander fröhlich in die Hände, weil sie nun eine Festanstellung erhalten werden. Die Mädchen - je nach dem, ob es eine Anschlussverbindung für sie gibt oder infolge stundenlanger Verspätung naturgemäß nicht - jubeln wie kleine Kinder unterm Weihnachtsbaum oder kriegen einen Nervenzusammenbruch und werfen sich vor den nächstbesten Zug. Übrigens sind infolge eines Zwischenfalls in der vorigen Staffel die Sicherheitsvorkehrungen diesmal drastisch verschärft worden: Eine im Fußboden befindliche, bewegliche Kamera kontrolliert, ob die Mädchen unterm Rock einen Sprengstoffgürtel tragen.

Die Show könnte aber auch Teil des Bildungsauftrags des privatrechtlichen Fernsehens sein. Es handelt sich vielleicht um eine unkonventionelle, minimalistische Klassikeradaption: Geißenpeter rechts, Alm-Öhi links, das Weltkind in der Mitten. Und die Mädels sind die Ziegenherde. Heidi, deine Welt sind die Zicken und Hinterwäldler. Armes Germany!

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