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Vita brevis, ars longa

30.3.2016

Der war nach meinem Geschmack: weltberühmter Maler, Kunstprofessor, verheiratet mit einer 34 Jahre jüngeren Schönheit und vor allem: Dem Rest der Menschheit ging er nicht mit seinem langwierigen Siechtum auf den Sack. Stattdessen engagierte er in aller Stille eine Horde Prostituierte und ließ es noch mal so richtig krachen. Manch andere waren weniger zurückhaltend: Lebhaft in Erinnerung sind uns Christoph Schlingensief und Henning Mankell - und nun Guido Westerwelle. In Büchern, in der Presse und auf allen Kanälen verkündeten sie uns: „Ich bin todkrank und will nicht sterben.“ Ersteres ist bedauerlich, Letzteres menschlich verständlich, doch beides rechtfertigt nicht die penetrante mediale Zurschaustellung eigener Qual und Todesangst, die nur trivial und peinlich ist. Als wäre es etwas Besonderes, an Krebs erkrankt zu sein und den Tod vor Augen zu haben. Das ist Tagesgeschäft bei der Gattung Mensch. Mein Vater (61) und meine Schwestern (52, 53) starben an Krebs. Da sollen mich Guido und Konsorten vom Hocker reißen? Als Feministen fällt mir im Übrigen auf: alles Kerle. Ist die Promi-Wichtigtuerei obendrein gewürzt mit typisch männlicher Weinerlichkeit?

„Er konnte Menschen gewinnen und provozieren. Doch erst durch seine Krankheit berührte er sie“ (Süddeutsche). „Als Politiker hatte er Schwierigkeiten, emotional den Ton des Landes zu treffen. Am Ende, als er über den Kampf gegen seine Krankheit sprach und schrieb, berührte er viele Deutsche“ (FAZ). Wirklich eine tolle Lebensleistung. Da kann ich mir ja auch noch Hoffnung machen, irgendwann mal groß rauszukommen (wenn schon niemand meine Satiren lesen will).

Welche Person des öffentlichen Lebens steht als nächste in den Startlöchern, um der interessierten Welt ihren eitlen Exitus-Exhibitionismus aufzudrängen? Mich interessiert das nicht. Nicht ums Verrecken.

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(30.3.2016)