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The Voices of Germany

8.6.2016

43 Jahre lang habe ich geschwiegen, weil ich nicht darüber sprechen konnte, weil das Entsetzen, die Entwürdigung und der Ekel mich zu Boden pressten und verstummen ließen. Doch jetzt, da der Täter immer noch frei herumläuft und sogar seinen 70. Geburtstag pompös feiern lässt, bricht es endlich aus mir heraus: Es war im Jahr 1973, ich war 16/17, das Leben lag wie eine Verheißung vor mir, ich war zuversichtlich, arglos und ahnte nichts Böses - da tauchte er urplötzlich aus dem Nichts auf und überwältigte mich. Es war wie ein Schlag ins Gesicht, ich war geschockt, gelähmt von ungläubigem Grauen, mir dröhnten die Ohren. Damals verlor ich das Urvertrauen, in der besten aller möglichen Welten zu leben. Wenn es solch Nichtiges, Aufgeblasenes und Abstoßendes gibt, dann kann etwas nicht stimmen, dann muss das Gesamtsystem fundamental fehlerhaft sein, und alles ist nur Schein und Oberfläche, worunter ein fauliger, lebensfeindlicher Morast brodelt. Ja, ich komme nach alledem nicht umhin, den Verdacht in den Raum zu stellen, dass die Schöpfung eine Fehlkonstruktion ist (die Gattung Mensch sowieso). War dies der entscheidende Schritt nach vorn (nachdem wir gestern noch am Rande des Abgrunds gestanden hatten)? Würde es von Stund an nur noch lindenbergab gehen? Hatte Udo gar die letzten Tage der Menschheit eingeläutet, war er der erbarmungslose Vollstrecker eines unentrinnbaren Schicksals? Damals wurde die Welt in Atem gehalten durch eine uralte apokalyptische Weissagung der Maya, wonach im Jahr 1973 der Weltuntergang stattfinden würde, ausgelöst durch einen irrsinnigen Außerirdischen („Er wird vom Himmel herabsteigen“) und seine tumben Knechte, die sich der Erde bemächtigen und mit ihrem grässlichen Getöse und Gekreische alles Leben auf dem Planeten auslöschen, die Wasser vertrocknen und das Firmament in ein Flammeninferno verwandeln würden. - Na gut, habe ich mir gerade so ausgedacht. Aber dermaßen katastrophal erschien mir sein Erscheinen. Vermutlich wäre mein Leben glücklich und erfolgreich verlaufen, hätte mich nicht dieses traumatische Ereignis in jungen Jahren aus der Bahn geworfen. Seitdem bin ich Udo Lindenberg nicht mehr losgeworden, er hat sich festgekrallt, wie in einem Lied von Jethro Tull geschildert: „There's a beast upon my shoulder and a fiend upon my back.“ Unzählige Male habe ich den Großen Ewigen Weltlauf angefleht, diesen Fluch von mir zu nehmen - doch vergebens. Vielleicht hätte die Liebe mich erlösen können, wie in einem Lied von Sinéad O'Connor besungen:

„Oh, I love you
how I love you
I'd kill a dragon for you
I'll die
but I will rise
and I will return
the Phoenix from the flame“

Im vorigen Sommer machten meine Tochter Svenja und ich für einige Tage Urlaub in Hamburg, was mir schon vorher angstschweißtriefende Nächte voller Albträume bescherte: Pechvogel, der ich nun mal bin, würde ER mir bestimmt leibhaftig über den Weg laufen. Kaum in Hamburg angekommen (natürlich regnete es), begann ich prompt, Gespenster zu sehen, und es ereilte mich eine Panikattacke nach der anderen: Allenthalben gewahrte ich alte Zausel mit affiger Frisur, affiger Sonnenbrille und affigem Hut, im Begriff, sich mit dumpfem Grunzen auf mich zu stürzen und mir ein Autogramm abzunötigen. Darauf, dass ich ihn als - gottlob stumme! - Wachsfigur im „Panoptikum“ antreffen würde, hatte ich mich schon eingestellt. Auch hätte ich nicht allzu sehr die Fassung verloren, wenn sein desaströses Wirken im „Dungeon“ inszeniert worden wäre („Lindenberg - Hamburgs horribelste Heimsuchung seit Feuersbrunst und Pestilenz“). Doch was dann tatsächlich über mich hereinbrach, war an Zynismus nicht zu überbieten: In der „Europa-Passage“ stießen wir unversehens auf einen Laden vollgestopft mit Gemälden - von Udo Lindenberg! Im ersten Moment glaubte ich, neuerlich Halluzinationen zu haben, dann wähnte ich einen Jux von RTLII mit versteckter Kamera. Doch es war keines von beidem, sondern bittere Realität: Er stümpert also auch als Pinselschwinger! Warum erst jetzt? Weshalb verlegte er sich nicht schon vor 43 Jahren darauf? Wie viel Ungemach wäre mir und dem Rest der Menschheit erspart geblieben! Warum muss Deutschland immer wieder auf abgehalfterte Kunstmaler hereinfallen, die sich mangels Talents gezwungen sehen, umzusatteln?

Ganz ähnlich hätte es bei dem zweiten Groß- und Altmeister der deutschen Popeleer-Musik verlaufen können: Herbert Grönemeyer (in diesem Jahr 60 geworden) begann vor 40 Jahren als ungelernter Hilfsschauspieler. Einmal durfte er sogar das verkörpern, was er selbst gerne wäre, aber sein ewig unerfüllbarer Wunschtraum bleiben wird: Musiker und Komponist. Der arme Robert Schumann kann sich ja nicht mehr wehren. Grönemeyer, der kokette Schlingel, verlautbarte mal, dass seine Musiker ihn „Kampfsänger“ nennen. Will er uns damit sagen: „Mein Kampf gegen das unausrottbare Vorurteil, die Deutschen seien ein Kulturvolk, ist noch längst nicht zu Ende, sondern geht dauernd jetzt weiter“? Vielleicht hatte er aber nur ein „r“ überhört.

So hätten die beiden hoffnungsvollen Minderbegabten in aller Stille ihr irdisches Dasein fristen können, ohne zu stören, der eine als Farbkleckser, als Grimassenschneider der andere. Aber das war wohl nicht vorgesehen, sondern es musste sie der Hafer stechen: Sie beschlossen, Pupsmusiker zu werden, und reiften heran zu dem, was sie heute sind: die größten Sangeskünstler deutscher Zunge aller Zeiten (zumindest seit Fred Bertelmann). Die einzigen Branchen, in denen trotz völliger Inkompetenz maximaler Erfolg möglich ist, sind nun mal Popmusik und Politik. Man muss ja nicht unbedingt stolz darauf sein, Deutscher zu sein, aber man sollte sich dessen auch nicht schämen müssen. Was ist das für ein Land, in dem solche Mikro-Phoniker, statt sie in Acht und Bann zu tun, bejubelt werden und obendrein ein Schweinegeld verdienen? „Hare Rama, Guru Udo ist kein Armer!“ persiflierte der „Stern“ schon vor 30 Jahren.

Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Marius Müller-Westernhagen, Klaus Lage, Heinz-Rudolf Kunze, Peter Maffay, BAP, Spider Murphy Gang, Münchener Freiheit, Konstantin Wecker, Xavier Naidoo, Silbermond, Wir sind Helden, Adel Tawil, Rosenstolz, Die Ärzte, Die toten Hosen, Peter Fox, Die Fantastischen 4, Namika, Andreas Bourani, Silly, Revolverheld, Tim Bendzko, Philipp Poisel, Nisse, Bosse, Laith Al-Deen, Culcha Candela, Alligatoah, Unheilig, Sportfreunde Stiller, Glasperlenspiel etc. pp. - all diese deutschen Nichtskönner. Die wissen doch auch, was angloamerikanische Pop- und Rockmusik ist. Es zeugt von einer bärenstarken Psyche, dass ihnen das nichts ausmacht. Aber wahrscheinlich verhält es sich so wie in dem Witz vom Arzt, der zum Patienten sagt: „Es ist völlig unnötig, dass Sie Minderwertigkeitskomplexe haben - Sie sind minderwertig.“

Bei gutwilliger Betrachtung können die für empfindsame Gemüter mehr als befremdlich klingenden vokalen Ausscheidungen von Lindenberg, Grönemeyer et al. als Ethno-Pop betrachtet werden, als authentische Volks-Musik einer primitiven, auf früher Entwicklungsstufe stehen gebliebenen, weil in hermetischer Isolation existierenden Population: Homo stefanraabensis (benannt nach einem unter Anthropologen als prototypisch geltenden Exemplar dieser Spezies).

Dieser ungenießbare, uninspirierte, uninspirierende, eindimensionale, kleinkarierte, provinzielle, farblose, lichtlose, lebenslose, einengende, erstickende, gefühllose, gedankenlose, bewusstseinseinschränkende, lähmende, einkerkernde, abstumpfende, verdorrende, entflügelnde, entmutigende, entseelende, entgeisternde, entkräftigende, entglückende Lindenberger-Käse jedweder Herkunft dreht mir Hirn und Magen gleichzeitig um. Da gibt es absolut nichts von dem, was ein Lied von Kate Bush ausdrückt: „Wow! Unbelievable!“ So oft ich unfreiwillig an solch einem Klumpen herumwürgen muss, fühle ich mich, wie in einem Lied von Sting beschrieben: „I built this fortress around your heart,/encircled you in trenches and barbed wire.“ Das muss ich mein Leben lang schutz- und wehrlos über mich ergehen lassen - deutsche Leidkultur.

Es ist nicht länger hinnehmbar, dass Generationen junger, nach Sinngebung und Orientierung dürstender Menschen dem verderblichen Einfluss der deutschen Pop-Scharlatane ausgeliefert sind, wodurch sie in eine fatale Geschmacksverirrung ohne Wiederkehr verleitet und dem Wahren, Schönen, Guten entfremdet werden. Gehören Lindenberg, Grönemeyer und Kumpane auf den Index jugendgefährdender Medien? Was sagen die Sektenbeauftragten der öffentlich-rechtlichen Religionsanstalten dazu? So möchte ich der heranwachsenden Jugend - ein Lied von R.E.M. zitierend - mahnend zurufen: „Hey, kids, rock 'n' roll,/nobody tells you where to go.“

Aus all dem faden dummdeutschen Klangpamps ragt eine einzige Gruppe hervor, die es wirklich konnte, die geradezu Genie-Status hatte: Insterburg & Co. (Frontmann: Karl Dall), die schon 1975 ihre Stimme erhoben, um das Schlimmste zu verhüten, eine frühe Warnung vor dem frisch geschlüpften Lindwurm, der im Laufe der folgenden Jahrzehnte zu einer vielköpfigen Hydra monströsen Ausmaßes heranwachsen sollte: „Diese Scheibe ist ein Hit,/wann kriegt ihr das endlich mit?/Diese Scheibe müsst ihr koofen,/es ist 'ne Scheibe für die Doofen!“ Da fühlen sich doch alle deutschen Blähtondichter angesprochen, wie in einem Lied von Carly Simon: „You're so vain, you probably think this song is about you.“ Aber auch diese einsamen Rufer in der deutschen Geschmackswüste vermochten es nicht, die Lindenberg-Grönemeyer-Subkultur und ihren Sympathisantensumpf zu Umkehr und Buße zu bewegen.

Lindenberg selbst könnte nun endlich mit gutem Beispiel vorangehen und sich in den unverdienten Ruhestand zurückziehen, um sich seines Lebensabends zu erfreuen, fernab vom aufreibenden Stress des Showbusiness, hin und wieder mal eine Schiffstaufe mit der Hamburger Demimonde und im Übrigen: Schnabel halten! Ich würde es ihm von ganzem Herzen gönnen, und für mich wäre es auf meine alten Tage ein enormer Gewinn an Lebensqualität - kostbarer als sechs Richtige im Lotto.

„Ich heiße Udo Lindemann ... nein, Lindenberg und bin seit 70 Jahren Rentner.“ Schön wär's!

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(9.6.2016)