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"wir" haben fertig

27.07.2014

Frau Halina Wawzyniak
Mitgliedin der PDS-Fraktion im Deutschen Bundestag
Mitgliedin des Parteivorstands der PDS


Liebe Linksparteigenossin Halina,

jawoll, endlich ist mal jemand aufgestanden, um dem Volk, diesem impertinenten, permanenten Störfaktor, aufs Maul zu schauen und zu hauen: Kaum war am späten Abend des 13.07.2014 der reichskristallnachtartige Endsieg-Volkssturm ausgebrochen, warfst du dich dem aufgeputschten Pöbel entgegen und sandtest via Twitter folgende Botschaft an die Menschheit (die darauf sicherlich gerade noch gewartet hatte): „da haben nun fussballspieler gewonnen, nicht ganz zu unrecht. "wir" haben damit nix zu tun, d.h. "wir" sind nicht weltmeister geworden“, das sei alles „Nationalblabla“ (ja, mit Blabla kennen wir Linksradikalen uns bestens aus). Schon zuvor hattest du in einem Zeitungsatikel herausgearbeitet, dass die Fußball-WM ein „Herrschaftskonstrukt“ ist, womit „Millionäre für wenige Wochen die herrschenden sozialen Unterschiede zukleistern“. Welch Balsam für unsere linksradikalen Seelen: Die Millionäre sind an allem schuld! (Aber warum machen die das nur alle 4 Jahre, wohingegen sie während der übrigen 47 Monate Gefahr laufen, von der Weltrevolution überrannt zu werden?)

Dein Vorschlag, Nationalmannschaften abzuschaffen und künftig die Mannschaften durch Auslosen multikultimäßig zusammenzuwürfeln (sollte auch in der Bundesliga eingeführt werden, damit der Bayern-Münchner Hegemonie ein Ende gesetzt wird), ist echt total voll geil und zeugt von profunder Denkschärfe und Realitätsnähe (wofür wir Linksradikalen ja berüchtigt sind). Wie aber kann dies bei Olympischen Spielen umgesetzt werden, wo ein Großteil der Sportarten nicht von Mannschaften, sondern von Einzelkämpfern bestritten wird? Um auch hier jeglichen Nationalfanatismus im Keim zu ersticken, erlaube ich mir, ein eigenes Konzept beizusteuern: die „Operation Frankenstein“: Alle Sportler und -innen, die sich für eine bestimmte Disziplin angemeldet haben, werden chirurgisch in ihre Einzelteile zerlegt, diese werden durch Auslosen vermischt und sodann neu zusammengebastelt. Herauskommen nationale Neutren, mit denen sich kein Volk identifizieren kann.

Wenn die aufgewiegelten Massen „wir“ grölen, müssen wir Linksradikalen das Schlimmste befürchten: Es waren völkische Wirköpfe, die uns vor 25 Jahren den Kommunismus vermasselten (du könntest heute Ministerin für Volksbildung sein - Margot reloaded). „Wir sind Weltmeister!“ ist doch nur die konsequente Fortsetzung von „Wir sind das Volk!“ Beides zusammen klingt wie „Heute gehört uns Deutschland einig Vaterland, morgen ...“. Insofern ist davon auszugehen, dass nicht nur die FIMA (Fédération Internationale de Millionnaire Association) dahinter steckt, sondern dass die WM obendrein eine faschistische Verschwörung ist (die wir Linksradikalen seit fast 70 Jahren so voller Ungeduld erwarten).

Es steht jedoch zu befürchten, dass wir Linksradikalen mit unserem Anliegen nicht so schnell durchdringen und es daher in 4 Jahren vielleicht wieder eine WM geben wird. Der einzige Trost ist, dass sie nicht in einem westlichen Land stattfindet, vor allem nicht in der neoliberalen, militaristischen, undemokratischen EU. Aber eine Hoffnung bleibt: 9 Monate vor der nächsten WM wird eine andere historische Schlacht geschlagen werden: die Bundestagswahl 2017. Wir Linksradikalen ersehnen natürlich inständig eine rot-blutrot-grünliche Koalition. Dann kannst du Sportministerin werden und die Teilnahme Deutschlands an künftigen Weltmeisterschaften und Fußball überhaupt kurzerhand verbieten. Eines stört allerdings - das letztjährige Wahlkampfmotto des Vereins der Freunde und Förderer der PDS: „Das Wir entscheidet.“ Vorsicht, Konterrevolution! Ist die SPD etwa die fünfte Kolonne des Volkes? Da darfst du nicht lange fackeln: Du musst auch Innenministerin werden. Dann kannst du die Sozialfaschisten verbieten (alle anderen werden Blockparteien) und in die leer stehenden Fußballstadien entsorgen. Und obendrein musst du Informationsministerin werden. Dann verstaatlichst du Twitter und funktionierst es parteiauftragsgemäß um - zum Socialist Network.

Mit undeutschem Gruß

Dietrich Klabunde
(Kandidat der PDS)

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Zum Thema Fußball siehe auch:
Ein Ball für Zweiundzwanzig
Nachspiel oder: Am Golde hängt, zum Golde drängt ...
Es liegt was in der Luft
Der Ball ist googlerund!
Linker Stürmer

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(27.07.2014)